2 Heute schon ein Waldbad genommen

Vor über zwei Generationen haben wir noch bei weitem mehr Zeit in der Natur und im Wald verbracht. Als wir über die Jahrzehnte immer mehr davon abgekommen sind haben wir auch gleichzeitig das Wissen über die sehr hilfreiche und heilende Wirkung des Waldes auf uns Menschen verloren. Dabei gibt es so unglaublich viele Vorteile- physisch, psychisch und spirituell. Es hat wirklich positive Auswirkungen auf unseren Körper und auf unsere Emotionen, also unsere Gefühlswelt. Viele Menschen glauben es ja erst, wenn sie es selbst mehrfach erlebt haben oder ihnen eine Reihe von unabhängigen Studien vorgestellt wurden. Ich bin da anders. Ich folge immer schon meiner inneren Stimme- meiner Intuition. Und so hat mich diese auch besonders im letzten Jahr zu viel Zeit im Wald gebracht. Wie es dazu kam und was ich alles wahrgenommen habe möchte ich euch gerne mit den folgenden Zeilen berichten.

Alles begann mit meiner doch sehr schicksalhaften Veränderung in meinem Leben. Vieles kam auf einmal, einiges eher schleichend und einiges sehr intensiv und kaum zu übersehen. Meine Mutter erkrankte im April 2012 an Lungenkrebs. Ich, eine damals noch 26-jährige Berufseinsteigerin hatte schon großes Schaffen mit der Tatsache, dass die kleine Unternehmensberatung, bei der ich meinen ersten unbefristeten Job nach meinem Bachelorstudium hatte so langsam vor die Wand gefahren wird und ich noch mit an Bord bin und nicht so schnell wegkomme. Zu der Zeit entschied ich mich dann noch neben den vielen Nachtschichten und Wochenend-Projektarbeiten als Junior Consultant mein Masterstudium berufsgeleitend zu beginnen. Ich durfte mich auch in der damals sehr glücklichen und ausgeglichenen Beziehung mit meinem Exfreund wiederfinden. Doch Stück für Stück begann alles immer mehr von mir abzuverlangen. Mit der Krebserkrankung meiner Mutter gab es viele Gefühlsausbrüche und meine Sorgen und Ängsten begannen in mir wach zu werden. Krebs ist auch echt eine verflixte Krankheit. Es gibt ständige Aufs und Abs. Man kann wieder hoffen, weil Operation, Chemo und Bestrahlung erfolgreich verlaufen sind und keine Krebszellen mehr zu sehen sind und dann irgendwann ist die Person doch wieder schwächer und klagt über verschiedene Leiden und es wird plötzlich der Tumor in einem anderen Organ entdeckt- er ist also gewandert. Naja, egal. Das Ganze Auf und Ab mit all den Sorgen und Ängsten sowie der Traurigkeit und den unendlich vielen offenen Fragen und den vielen Hoffnungen und Wünschen ging über 2 Jahre. In der Zwischenzeit stieg der Druck in mir selbst, meinen Ansprüchen und denen meines festen Lebensgefährten, mit dem ich auch zusammen wohnte, gerecht zu werden. Dann bring mal alles unter einen Hut- krebskranke Mutter, Arbeitgeber ohne kurzfristige und langfristige Zukunftsperspektive, Leistungsdruck im Masterstudium und der Ruf deines Freundes, die Beziehung zu pflegen und ihm weiterhin Liebe und Aufmerksamkeit zu schenken. Ja Pustekuchen. Ich bin in die Knie gegangen. Habs nicht geschafft, alles „zu managen“. Meiner Meinung nach konnte ich ja bis zum Schluss so gut wie es geht für jeden da sein, nur eben für mich als Mensch mit Grundbedürfnissen am wenigsten. Ich hätte noch viel mehr Zeit für mich gebraucht, als ich mir ohnehin schon nur für mich durch mein bewusstes Filmschauen, Lernen und Schlafen getan hatte. Das hat sich dann darin geäußert, dass ich mich selbst an den schönen Dingen nicht mehr erfreuen konnte. Ich lag tagelang immer und immer wieder nur im Bett. Habe fast nichts gemacht außer rumliegen und einen leeren Kopf haben und dann wieder weinen und dann wieder irgendeinen Film schauen, der mich von meinem Leben ablenkt. Selbst wenn wir zum Klettern in die Halle gefahren sind oder zum Wandern und Klettern in die Berge- ich konnte mich nur schwer dazu aufraffen und brauchte ewig, um es doch irgendwie zu schaffen, mich darauf einzulassen und es zu genießen. Irgendwie war alles zu viel. Einfach ein Overload. Im August 2013 bin ich dann zu einem Psychotherapeuten. Ist gar nicht wild. Tut gar nicht weh. Und das war dann auch gut so. Diagnose- leichte Depression und leichtes Burn-Out. Wie hat er letztens gesagt- die, die zu einem Therapeuten gehen sind die Elite der Problembewussten. Und genau das war es auch- mein Leben war ein großer Problemhaufen. Nicht sehr schön. Durch die Therapie habe ich viel über mich gelernt und habe vieles aus meinem Leben besser verstehen können. Meine Beziehung konnte ich trotzdem nicht mehr retten. Februar 2014 haben wir uns dann getrennt. Ich bin aus unserer gemeinsamen Wohnung mitten in der wunderschönen Maxvorstadt Münchens ausgezogen und nach einer heftigen Übergangsphase bei Freunden im Mai 2014 dann in meine eigene Wohnung raus, an den schönen grünen und weitläufigen Rand von München gezogen. Ah, eines habe ich noch nicht erwähnt- im Jahr 2013 war es beruflich für mich absolut chaotisch und problematisch- meinen ersten Job in der Unternehmensberatung hatte ich nicht mehr aber dafür wenigstens einen Platz um meine Masterarbeit zu schreiben. Die Details und Einzelheiten erspare ich euch. Auf jeden Fall- war das Jahr 2014 dann so richtig extrem bewegt für mich- März erst die mündliche Abschlussprüfung und Verteidigung meiner Masterarbeit und meines Masterstudiums, wenige Tage später der Beginn eines neues unbefristeten Jobs, April die Diagnose bei meiner Mutter, dass der Krebs zum dritten Mal wieder da ist und so schlimm gestreut hat und den Körper geschwächt hat, dass die Ärzte auch nicht mehr weiter wissen und Anfang Juni schon ist meine geliebte Mutter leider verstorben. Sie war gerade einmal 58 Jahre alt und ich war auch erst 28 Jahre jung.

So kann es gehen. Bäm, das Leben hat dich gepackt. Voll und ganz. Gleich drei- und vierfach in seiner Härte. Aber gut, ich lebe, ich stehe und mittlerweile bin ich auch überglücklich und dankbar über all diese schicksalhafte Veränderung in meinem Leben. Diese zwei Jahre von April 2012 bis Juni 2014 hatte ich so eine harte Schule. Aber Gott sei Dank war ich ein Streber auf dieser Schulbank. Ich habe es nämlich begriffen und habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich habe gelernt, mich wieder auf das Wesentliche zu besinnen und mir meine Energiequellen zu suchen und sie regelmäßig und rechtzeitig anzuzapfen.

Wir sind alle nur Menschen, wir haben alle Grenzen. Und es ist wichtig, dass wir diese Grenzen erkennen und nicht zu lange die Gratwanderung gehen. Und mit Gratwanderung meine ich, dass wir nicht permanent nur Gas geben können oder anderen Geben können ohne selbst mal zu Nehmen beziehungsweise auch mal Entschleunigen und in uns gehen. Unser Körper ist so schlau- er zeigt uns schon immer, wenn wir mal wieder im Ungleichgewicht sind. Er sagt dann zum Beispiel: Hallo, ich habe keine Lust immerzu zu Reden, mir bleibt jetzt mal die Stimme weg und du musst dich mit mir, deiner Kehlkopfentzündung rumschlagen. Oder ich habe die Nase sowas von voll, von all dem Hier, ich habe mal wieder einen richtig festsitzenden Schnupfen oder gleich schon eine Nasennebenhöhlenentzündung. Es gibt so viele Wege, wie wir selbst darauf kommen können, jetzt haben wir mal wieder zu viel und/oder zu lange nur Gegeben, jetzt müssen wir dringend mal wieder mehr auf uns schauen. Ja und wie machen wir das am Besten.

Wie schaffen wir es, in unserer so unglaublich hektischen, fordernden, technifizierten und schnelllebigen Welt zur Ruhe zu kommen, mal vom Gas zu gehen und nur für uns zu sein. Eigentlich gar nicht so schwer- wir entscheiden uns!

Jeder geht andere Wege. Jeder hat ein anderes Schicksal- ein anderes Leben hinter sich, vor sich und eines, in dem er gerade steckt. Doch wir alle sind gleich- wir alle können Entscheiden, Handeln oder eben auch nicht Handeln. Ich hatte mich entschieden, mich nicht unterkriegen zu lassen. Das habe ich gar nicht eingesehen. Für mich haben all die Probleme dann eben zu meinem Leben dazu gehört und es war meine Aufgabe, das Beste daraus zu machen und nicht daran zu Grunde zu gehen. Also war ich zwar eine ganze Zeit lang auf dieser Gradwanderung, aber nur weil mich mein Schicksal dazu gezwungen hat und ich gleichzeitig während dessen gelernt habe, wie ich mich selbst möglichst schnell und effektiv wieder auftanken kann.

In der Zeit, wo ich sehr viel im Büro, im Auto oder im Krankenhaus war hatte ich einfach die allerbeste Musik mit, die ihr euch nur so vorstellen könnt- meine Lieblingsmusik! Als ich dann minimal mehr Zeit bekam fing ich an, möglichst den verschiedensten Wegen und Erledigungen zu Fuß an der frischen Luft nachzugehen. Dabei habe ich immer mehr darauf geachtet, schon die kleinen grünen Oasen in den Städten zu nutzen und diese gut riechende Luft von dort tief und langsam in meinen Bauch einzuatmen. Später dann, als ich mehr Freizeit bekam aber trotzdem noch nicht so viel Zeit hatte, um wieder in die Berge zum Wandern oder Klettern zu fahren, verbrachte ich immer mehr Zeit damit, in den Wald zu spazieren und dort die Natur auf mich wirken zu lassen und mich zu bewegen.

Was war jetzt nun das Besondere daran, dass ich im Wald spazieren ging. Ja, das kann ich euch sagen. Im Wald ist es ruhig. Im Wald sind meist nicht sehr viele Leute. Meist war ich sogar allein mit mir und meiner Gedankenwelt. Wobei ich mich nie allein gefühlt habe. Eher im Gegenteil- ich war ja umrungen von den vielen unzähligen, verschieden großen und immer anders aussehenden Bäumen. Sie hatten so eine beruhigende und beschützende Wirkung auf mich. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich zwar sichtbar allein aber ich selbst fühlte mich wahnsinnig gut aufgehoben und wohl behütet. Es war echt crass. Ich habe es immer mehr genossen. Das Schöne an diesen Waldbädern, die ich dann angefangen habe regelmäßig zu nehmen, ist, sie haben mich unglaublich schnell zur Ruhe gebracht. Selbst wenn ich aufgeregt war oder wieder ganz viele verschiedene Gedanken durch meinen Kopf schwirrten, irgendetwas war es, was meine Aufmerksamkeit so sehr auf sich zog, dass ich mich im Nu richtig frisch und erholt gefühlt habe.

Später habe ich dann entdeckt, dass das alles kein Zufall ist- der Wald hat ja sogar bereits nachgewiesenermaßen viele verschiedene positive Wirkungen auf uns Menschen. Bereits das Zentrum der Gesundheit hat im Dezember 2015 einen ersten kurzen Artikel über das sogenannte Waldbaden (engl. Forest bathing) verfasst. Darin heißt es unter anderem, dass bei einer Untersuchung die niedrigen Werte vom Blutdruck, Stresshormonspiegel und Puls bei Menschen, die viel Zeit im Wald verbringen, im Gegensatz zu den Stadtmenschen sehr auffallend war. Ein Wissenschaftler habe auch das Ergebnis festhalten können, dass bereits der bloße Anblick und das Beobachten des Waldes zu einem weit geringeren Stresshormonpegel führt. Gerne einfach selbst nachlesen unter http://www.zentrum-der-gesundheit.de/waldspaziergang-ia.html#ixzz41ZmG4y9q

Übrigens ist dies bereits in anderen Ländern der Welt schon sehr weit fortgeschritten, anerkannt und professionell aufgebaut. Shinrin Yoku, zum Beispiel, ist eine japanische Waldtherapieform. Dabei läuft man durch den Wald, ganz langsam und bewusst und nimmt den Wald mit all seinen Sinnen auf. Es wird auch immer wieder gestoppt, um zu ertasten, um im Stehen oder Sitzen zu riechen und zu hören. Ein Trainer beziehungsweise Therapeut hilft dabei, sich selbst zu Entschleunigen, die Sinne zu schärfen und sich voll und ganz auf diese wunderbare Umgebung einzulassen.

Ich bin ja mal gespannt, wann wir unsere Wälder auch wieder mehr zu schätzen wissen und wieder vermehrt von ihnen lernen, sie um ein Vielfaches noch nachhaltiger und bewusster pflegen und uns selbst, also unserer Natur Mensch mit Körper, Psyche und Seele wieder mehr zu Nutzen machen. Wenn man sich nur einmal vorstellt, wieviel Wald wir allein in Bayern haben- welch ein Glück wir haben über rund 25.000km² Waldgrundstück zu verfügen, das sind gut 35% der Gesamtfläche des Freistaates (Quelle: https://www.statistik.bayern.de/presse/archiv/2011/76_2011.php). Eins steht für mich fest- mein erworbenes Wissen und meine Fähigkeit, mich so gut auf den Wald einzulassen, ihn voll und ganz zu genießen und total schätzen zu wissen, werde ich jetzt über Kurz und Lang in meinen beruflichen Wandel einfließen lassen- ich habe beschlossen, dieses Wissen und diese neu erworbene Fähigkeit, möglichst vielen Menschen zuteilwerden zu lassen. Ich habe viel zu geben, viel zu sagen und mit mir lässt sich viel Natur erleben. Ich freue mich, wenn ich bereits jetzt schon mehr Menschen erreichen konnte, mit meiner ganz persönlichen Lebensgeschichte inspirieren konnte und vielleicht sogar dazu bewegen konnte, mal einen Versuch des Waldbadens zu starten.

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